Return to Index Page THE  VIOLET SOCIETY JOURNAL

ADDENDUM to Volume 1 Issue 2.

The Following article is reproduced by kind permission of the author Gregor Dietrich

Dietrich, G., 1996: Veilchen - stiefmütterlich behandelt? - GARTEN Magazin der Österreichischen Gartenbau-Gesellschaft 119/3: 16 - 19, updated September 1999)

 

Veilchen - stiefmütterlich behandelt

Veilchen sind pflegeleichte Kleinstauden, die sich auch in schattigen Gärten wohlfühlen. Trotzdem werden sie von den Gärtnern in Österreich stiefmütterlich behandelt.

Die Gattung Víola ist sehr artenreich. Obwohl der überwiegende Teil der Arten der Familie Violáceae tropische Gehölze sind, sind die meisten der ca. 500 Víola-Arten nicht holzig. Sie sind in den gemäßigten Zonen und den Gebirgen der wärmeren Zonen zu finden. Gärtnerische Bedeutung haben eigentlich nur die Stiefmütterchen (Sektion Melanium) erlangt. Die "echten" Veilchen der Sektion Víola werden dagegen selten kultiviert. Nur drei Arten sind regelmäßige Gäste in unseren Gärten: Das März-Veilchen (V. odoráta), das Nordamerikanische Duft-Veilchen (V. labradórica) und die duftlose V. sorória. Dabei waren Veilchen schon im antiken Griechenland wichtige Kultpflanzen. Der Name Viola ist der lateinische Diminutiv des griechischen íon, ursprünglich víon, nach Jon, dem Gründer Athens, dem ionische Nymphen diese Blumen brachten. Danach wurde Athen auch iostéphanos, die Veilchenbekränzte, genannt. Auch Zeus verführte Io mit kandierten Veilchenblüten. In der Antike wurden allerdings drei Gruppen von Veilchen unterschieden: Die dunklen Veilchen entsprechen unseren März-Veilchen, das weiße Veilchen, griechisch leukóion, lateinisch leucoium heißt heute Levkoje (Matthiola incana). Für die Frühlings-Knotenblume wurde der Name Leucojum also zu unrecht vergeben. Das dritte Veilchen hieß bei Plinius viola lutea und ist uns heute als Goldlack (Erysimum sect. Cheiranthus) bekannt.

Im viktorianischen England waren Veilchen in Mode. Damals wurden mehrere Arten und viele Sorten gezogen. Viele dieser Sorten sind heute ausgestorben. Aber bevor wir zu den Arten kommen, noch eine Grundsätzliche Unterscheidung: Es gibt sogenannte zweiachsige und dreiachsige Veilchen. Die zweiachsigen sind jene, deren Sproß (Hauptachse) ein wurzelähnliches Rhizom bildet, auf dem eine Blattrosette sitzt. Die zweite Achse ist schon der Blütenstengel. Bei den dreiachsigen Veilchen wachsen aus dem Rhizom mehr oder weniger aufrechte, beblätterte Sprosse, in deren Blattachseln erst als dritte Achse die Blütenstengel sitzen. Man könnte sie also auch Rosetten- und Stengelveilchen nennen. Es gibt aber auch zweiachsige Stengelveilchen, die kein Rhizom bilden, die erste Achse ist der Stengel.

 

Rosettenveilchen

Zu den zweiachsigen Arten gehört unser wohl berühmtestes Veilchen, das März-Veilchen (V. odoráta). Es hat runde Blätter und lange oberirdische Ausläufer. Seine violetten Blüten erscheinen an zusagenden Standorten fast das ganze Jahr hindurch, die Hauptblütezeit fällt jedoch in den März. Im vorigen Jahrhundert war es in der vornehmen Gesellschaft Wiens üblich, im Frühjahr im Wienerwald auf Veilchenjagd zu gehen. Wer das erste Veilchen fand, deckte es mit seinem Hut zu und holte den Rest der Gesellschaft um es feierlich zu präsentieren.Ursprünglich ist diese Art im Mittelmeerraum zuhause. Ob sie im Osten Österreichs wie überall in Mitteleuropa eingebürgert oder doch ureinheimisch ist, kann niemand mit Sicherheit sagen. Jedenfalls ist es schon lange in Kultur. Ob als Heilpflanze, Farbstofflieferant, Konfekt-Grundlage, pH-Indikator oder Duftlieferant - nicht die Ornamentale Wirkung war für den Anbau verantwortlich. Zur Parfümherstellung wird das Veilchen allerdings erst in unserem Jahrhundert verwendet, da das Extrahieren des Duftstoffes nicht möglich war. Früher wurde der Duft der "Veilchenwurzel", dem getrockneten Rhizom von Íris germánica var. florentína oder Í. pállida, verwendet. Von V. odoráta gibt es auch heute noch einige wenige Zuchtformen: Im Handel ist meist die Auslese `Königin Charlotte´ erhältlich. Die gefüllte, hellerblühende `Plena´ ist ein Russisches oder Parma-Veilchen, also eine Hybride mit dem Blauen Veilchen. `Alba´ blüht weiß, `Purpurea´ und `Red Charme´ purpurrot. Leicht mit der Sorte `Alba´ verwechselbar ist das duftlose Weiße Veilchen (V. álba). Wie die vorige Art ist auch sie wintergrün, hat aber spitzere Blätter und ihre Ausläufer blühen schon im ersten Jahr. Zu finden ist es in Eichen- und Eichen-Hainbuchen-Wäldern und auf Waldschlägen, wo es im März und April blüht. Die ssp. álba blüht reinweiß über hellgrünem Laub, ssp. scotophýlla weiß mit violettem Sporn über dunkelgrünen, oft violett überlaufenen Rosettenblättern. Nur in Ostösterreich kommt eine blaublühende Unterart vor.

Die aus Rumänien stammende, ausläuferlose V.joói mit rotvioletten Blüten gehört zu den wenigen Arten, die man regelmäßig auch in Spezialbetrieben erwerben kann. Duft- und ausläuferlos ist das blaulila Wiesen-Veilchen (V. hírta), das auf Magerwiesen häufig ist und manchmal von selbst in den Garten gelangt. Selten ist auch das in W-Österreich wild vorkommende Schatten-Veilchen (V. pyrenáica) in Kultur. Es verträgt keine Sonne. Mehr wegen der hübschen weißen Zeichnung der Blätter wird V. koreána hin und wieder angeboten. V. pinnáta aus den Südostalpen hat fingerförmig geteilte Blätter.

Eher osteuropäisch ist das Areal unseres schönsten heimischen Veilchens. Als das möchte ich das Blaue Veilchen (V. suávis) bezeichnen. Es kommt in der Natur in verschiedenen geographisch getrennten Farbformen vor, weswegen es verschiedene Namen erhalten hat. In der Literatur sind vor allem V. beráudii, V. cyánea und V. sepíncola zu finden. Die sommergrüne Art mit kurzen unterirdischen Ausläufern trägt im März und April duftende blaue Blüten mit deutlichem weißem Zentrum. Sie wächst in Auwäldern, aber auch in feuchten Gebüschen. Gefüllte Formen sind als Parma-Veilchen bekannt. Die im vorigen Jahrhundert in England gezüchteten Hybriden von V. suávis vorwiegend mit V. odoráta werden als Russische Veilchen bezeichnet. Meist werden sie mit Parma-Veilchen in einen Topf geworfen. Die ursprünglichen Russischen Veilchen sind heute größtenteils ausgestorben. Im übrigen hybridisieren alle zweiachsigen Veilchen untereinander sehr leicht. Deshalb ist die heutige Sortenarmut verwunderlich. Aber Veilchen sind eben im Moment nicht in Mode. Zu den großen ungefüllten Sorten des vorigen Jahrhunderts gehört die purpur blühende `Czar´, die im Gegensatz zu vielen ihrer Abkömmlinge überlebt hat. Eine deutsche Züchtung war `Kaiser Wilhelm II´. Ihre stark duftenden, dunkelblauen Blüten hatten 5 cm Durchmesser! Während des ersten Weltkrieges in England noch häufig gepflanzt, dürfte sie heute ebenso wie die von ihr abstammende `King of the Belgians´ ausgestorben sein. Mit jedem Jahr sinkt die Chance, sie in einem alten Garten wiederzuentdecken. Nicht so leicht zu kreuzen aber selbst sehr variabel ist das amerikanische Schmetterlings-Veilchen (V. sorória, syn. papilionácea). Seine duftlosen Blüten sind weiß bis violett, oft mehrfarbig. Die Sorte `Freckles´ hat beispielsweise eigenartig gefleckte Blüten und ist manchmal sogar in den holländischen Katalogen zu finden.

 

Stengelveilchen

Die Stengelveilchen sind viel weniger beliebt. Die meisten Arten sind duftlos, ihr Flor nicht so reich, da sich die Blüten einer Pflanze in relativ großen Abständen öffnen. Am ehesten wandert das deiachsige Hain-Veilchen (V. riviniána) oder dessen Hybriden mit dem Wald-Veilchen (V. reichenbachiána) in unsere Gärten ein. Die beiden Arten sind nicht immer leicht zu unterscheiden und sind in manchen Gärtnereien als Hunds-Veilchen (V. canína) zu finden. Das echte Hunds-Veilchen wäre seiner schönen Blautöne wegen viel kulturwürdiger. Wie die folgenden ist es zweiachsig. Das Zwerg-Veilchen (V. púmila) hat große weißliche bis rötlichlila Blüten. Ebenso wie das nahverwandte hellblaue bis einen halben Meter große Hohe Veilchen (V. elátior) ist es stark gefährdet und braucht sehr feuchten Boden. Hin und wieder wird das dreiachsige Sand-Veilchen (V. rupéstris, syn. arenária) kultiviert. Diese zwergige Art ist wild in Trockenrasen und Föhrenwäldern zu finden. Als einzige Art taucht das duftende Labrador-Veilchen (V. labradórica) regelmäßig auch in den bunten holländischen Standartsortiments-Katalogen auf. Seine violetten Blüten passen gut zu dem rötlichen Laub. Aus Nordamerika kommt noch eine ganze Reihe verschiedener Veilchen, die aber selten erhältlich und oft sehr heikel sind.

Leider sind die meisten Veilchen-Arten und -Sorten im Handel kaum erhältlich. Vielleicht trägt ja dieser Artikel dazu bei, Angebot und Nachfrage zu steigern. Wer also verschiedene Veilchen ziehen will, muß sich in den Samentauschlisten der verschiedenen Staudengesellschaften umsehen, etwa der Fachgruppe Alpenpflanzen und Blütenstauden der ÖGG. Oder schauen Sie sich einfach im Wald und auf der Wiese um, denn allein in Österreich gibt es mehr Veilchen-Arten und -Unterarten als ich Ihnen hier aufzählen konnte. Aber graben Sie nicht gleich Löcher in den Boden, Samen tun´s auch. Diese verlieren zwar recht bald ihre Keimfähigkeit und sollten daher möglichst bald gesät werden, dann ist die Keimrate aber oft hoch. Sie sind vor allem sehr druckempfindlich, weswegen sie nur in festen Gefäßen transportiert werden sollten. Auch haben die Samen ein ölhältiges Anhängsel (Elaiosom), das von Ameisen gefressen wird, die dadurch die Samen verbreiten. Trocknet es am Samen ein, so ist der Same kaum keimfähig. Die Aussaat erfolgt daher entweder frisch, wo sie von Ameisen vertragen werden, oder nach lockerem Verreiben mit Sand, wodurch das Elaiosom abgelöst wird. Auch chemische Behandlung mit Gibberellinsäure hilft. Wachsen dann mehrere verwandte Arten und Sorten im Garten, so entstehen fast zwangsläufig Hybriden und Rückkreuzungen, sodaß eine unendlich scheinende Formenvielfalt entsteht, wobei die ausläuferbildenden Formen leicht vegetativ vermehrbar sind und dem Gartenfreund die Frage aufdrängen, warum nicht die besten unter ihnen kommerziell vermehrt werden.

Gregor Dietrich